Vom Jagdrevier zum Naturparadies
Der Robbenfang in der Region Nysted und Rødsand gehört zu den bestdokumentierten lokalen Jagdtraditionen Dänemarks. Die Geschichte verdichtet sich in wenigen Zahlen: 915 Robben an einem Tag im Jahr 1802 – 14 Robben im gesamten Jahr 1964 – 600 Kegelrobben in der heutigen Schutzkolonie. Diese Entwicklung markiert einen tiefgreifenden kulturellen Wandel: vom Verständnis der Robbe als Schädling und Ressource zur Anerkennung als schützenswertes Wildtier und touristische Attraktion.
Die etwa 35,5 Kilometer lange Sandbank Rødsand, gelegen zwischen der Südspitze Falsters und dem Südosten Lollands, bot ideale Bedingungen für die Robbenjagd: Tiefes Wasser reichte nahe an den Sand heran, wodurch Robben leicht an Land kamen – und ebenso leicht gefangen werden konnten.
Die historischen Wurzeln reichen bis ins 18. Jahrhundert
Schriftliche Zeugnisse belegen den Robbenfang bei Rødsand seit den 1700er Jahren. Der entscheidende Wendepunkt kam 1801, als in Nysted eine Fischereigesellschaft gegründet wurde, die das königliche Privileg zum Robbenfang bei Rødsand erhielt.
Die gejagten Arten
In dieser frühen Periode dominierte die Kegelrobbe (dänisch: gråsæl, wissenschaftlich: Halichoerus grypus). Archäologische Funde und historische Quellen dokumentieren Rødsand als Brutkolonie dieser größeren Robbenart, deren Bullen bis zu 300 kg erreichen können. Die Brüder Landt fingen später sogar eine Kegelrobbe von 350 kg Gewicht.
Daneben wurde der Seehund (dänisch: spættet sæl, wissenschaftlich: Phoca vitulina) gejagt, der mit etwa 100 kg deutlich kleiner ist und nach dem Verschwinden der Kegelrobben zur vorherrschenden Art wurde.
| Robbenart | Gewicht | Größe | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Kegelrobbe | bis 300 kg | bis 2,5 m | Größtes Raubtier Dänemarks |
| Seehund | bis 150 kg | 1,4–1,7 m | Heute häufigste Art |
Die Dynastie der Familie Landt: 116 Jahre Robbenfang
Die bemerkenswerteste Geschichte des Nysted-Robbenfangs ist untrennbar mit der Familie Landt verbunden. Hans Landt (1792–1855), ein Einwanderer aus Mölln in Oldenburg, konstruierte eine einzigartige Robbenreuse und begründete damit eine Familientradition, die vier Generationen überdauerte.
Hans Landt
1792–1855
Begründer der Tradition und Erfinder der einzigartigen Robbenreuse
Johan Ludolf Friderich Landt
1827–1894
Fortführung und Perfektionierung der Fangmethoden
Claus Christian Landt
1855–1921
Hielt den Familienrekord: 36 Robben gleichzeitig in einer Reuse
Niels & Alfred Landt
1894–1984 / 1891–1981
Die letzten Reusenfischer – letzter Fang: 14 Robben (1964)
Die einzigartige Robbenreuse
Die Landts operierten vom „Røgehuset" (Räucherhaus) am Hafen von Nysted aus. Ihre Reuse war die einzige ihrer Art in Dänemark und erhielt 1880 eine Medaille bei einer Fischereiausstellung in Bordeaux.
- Länge: 17 Meter
- Maximaler Durchmesser: 2,20 Meter
- Material: 6 mm ungarisches Hanfseil
- Maschenweite: 14 Zentimeter
- Befestigung: Durch Anker und großen Stein, nicht an Pfählen
Die Reuse wurde an der Nordseite von Vesterholm aufgestellt, wo tiefes Wasser fast bis zum Sand reichte – ein Ort, den die Jäger „Sælspidsen" (Robbenspitze) nannten. Das Prinzip war einfach: Robben, die den ausgestreckten Armen der Reuse folgten, wenn sie ins Wasser zurückkehrten, landeten am Boden der Falle und ertranken innerhalb von etwa zwei Minuten.
Der Niedergang der Fangzahlen
| Zeitraum | Jährlicher Fang | Entwicklung |
|---|---|---|
| Vor 1910 | 280–320 Robben | Höchste Erträge |
| Nach 1910 | ~120 Robben | Deutlicher Rückgang |
| Nach 1940er | ~40 Robben | Starker Einbruch |
| 1964 (letztes Jahr) | 14 Robben | Ende der Tradition |
Fangmethoden entwickelten sich über Jahrhunderte
Erschlagen mit Keulen und Beilen
Die älteste dokumentierte Methode war das Erschlagen mit Keulen und Beilen – archäologische Funde von sechs hölzernen Keulen bei Holmegaard auf Seeland belegen diese Praxis seit der Steinzeit. Besonders effektiv war dies während der Brutzeit der Kegelrobben (Januar–Februar), wenn die weißfelligen Jungtiere in den ersten vier bis fünf Lebenswochen nicht schwimmen konnten.
Die Harpunenjagd
An Orten wie Flinthorne Rev und Tågense Bugt sind noch heute „underborede sten" (durchbohrte Steine) zu finden – Zeugnisse der traditionellen Harpunenjagd, bei der die Harpunen in diesen Steinen verankert wurden, um abrutschende Robben zu fangen.
Die Gewehrjagd ab 1910
Ab etwa 1910 dominierte die Gewehrjagd. Der Dänische Fischereiverband stellte Remington-Gewehre (Modell 1867) zur Verfügung – allein im Amt Maribo (Lolland-Falster) waren 22 Gewehre stationiert. Die Patronen kosteten nur 6 Øre. Spätere Jäger verwendeten Jagdgewehre im Kaliber 6,5×55.
Wirtschaftliche Bedeutung: Ein Wochenlohn pro Robbe
Die ökonomische Dimension des Robbenfangs war beträchtlich. Der Robbentran (Sæltran) fand vielfältige Verwendung:
- Lampenöl für die Beleuchtung
- Lederpflege für Stiefel und Pferdegeschirr
- Imprägnierung von Fischernetzen, Segeln und Außenkleidung
- Während des Zweiten Weltkriegs sogar zur Margarineherstellung
| Produkt | Wert (1940er Jahre) |
|---|---|
| Ein Fass Tran (200 Liter) | 600 Kronen |
| Tran einer großen Robbe | über 20 Kronen |
| Wochenlohn eines Arbeiters | 20 Kronen |
| Gute Robbenfelle | 65–90 Kronen |
| Robbenfleisch (an Pelztierfarmen) | 40 Øre/kg |
Ein einziger großer Robbenfang konnte somit den Wochenlohn eines Arbeiters übersteigen. Hinzu kamen staatliche Prämien (Skydepræmier): Von 1889 bis 1914 wurden 3 Kronen pro Robbe gezahlt, danach 4 Kronen.
Geh zurück, wo du hingehörst, mein kleiner Freund, aber komm nicht wieder.
— Alfred Landt zu einer jungen Robbe, die er durch Nachahmung von Robbenbewegungen angelockt hatte – statt sie zu töten, streichelte er sie und ließ sie frei.
1891–1981
Historische Karte: Jagdgebiete und Robbenkolonien
Die interaktive Karte zeigt die wichtigsten historischen Jagdgebiete bei Nysted sowie die heutigen Standorte der Robbenkolonien und den Startpunkt für moderne Robbensafaris.
Das Ende einer Ära: Vom Jäger zum Schützer
Der Zusammenbruch der Bestände
Die systematische Jagd forderte ihren Tribut. Im Rahmen des staatlichen Prämienprogramms von 1889 bis 1927 wurden in ganz Dänemark etwa 37.000 Robben getötet – 72% Seehunde, 27% Kegelrobben, 1% Ringelrobben.
| Zeitraum | Kegelrobbenbestand Ostsee |
|---|---|
| Anfang 20. Jahrhundert | 88.000–100.000 |
| Späte 1970er Jahre | ~4.000 |
| 2024 | ~55.000 |
Die Seehundpopulation in dänischen Gewässern erreichte 1977 mit nur etwa 2.000 Tieren ihren Tiefpunkt – der Moment, in dem der vollständige Schutz einsetzte.
Die Gesetzgebung
Erstes Robbenreservat bei Hesselø etabliert
Jagtloven: Jagdsaison auf 1. Sept.–31. Mai beschränkt; Brutschutz eingeführt
Seehunde in einigen Gewässern unter Schutz gestellt
Vollständiger Schutz (Totalfredning) der Seehunde in Dänemark
Robben werden vollständig geschützte Art in Dänemark
Zusätzlich zu den nationalen Gesetzen greifen heute die EU-Habitatrichtlinie (1992), die HELCOM-Empfehlung 9/1 (1988) mit einem Jagdverbot im Ostseeraum und das Trilaterale Robbenabkommen (1991) zwischen Dänemark, Deutschland und den Niederlanden.
Rødsand heute: Dänemarks größte Kegelrobbenkolonie
Die Transformation von Rødsand ist bemerkenswert. Das ehemalige Jagdrevier beherbergt heute etwa 600 Kegelrobben – die größte Kolonie Dänemarks. 2003 wurden erstmals seit der lokalen Ausrottung wieder Kegelrobbenjunge bei Rødsand geboren. Seitdem werden jährlich 3–10 Jungtiere registriert.
- Fläche: 117,9 Hektar
- Schutzzeit: 1. März bis 30. September
- Robbenbestand: ~600 Kegelrobben (größte Kolonie Dänemarks)
- Erste Geburten seit Ausrottung: 2003
| Art | Bestand 1977 | Bestand 2020er |
|---|---|---|
| Seehund (DK gesamt) | ~2.000 | ~17.000 |
| Kegelrobbe (DK) | 0 | ~1.600 |
| Kegelrobbe (Ostsee gesamt) | ~4.000 | ~55.000 |
🦭 Robbensafari ab Nysted
Von Nysted aus bietet die M/S Drost (Baujahr 1918) Robbensafaris an, bei denen beide Arten – Kegelrobben und Seehunde – beobachtet werden können. Die dreistündigen Touren starten von Juli bis August mehrmals wöchentlich um 9 und 13 Uhr.
Erleben Sie, was aus dem einstigen Jagdrevier geworden ist – ein Naturparadies, das Besucher aus ganz Europa anzieht.
Mehr Infos zur Robbensafari →Museen und Archive: Das Erbe erkunden
Für weiterführende Recherchen und Besuche stehen mehrere Institutionen zur Verfügung:
Museum Lolland-Falster
Das Stiftsmuseum in Maribo (Banegårdspladsen 11) und das Falsters Egnshistoriske Arkiv in Nykøbing Falster (Frisegade 45) bewahren die regionale Geschichte.
Vindenes Verden
Am Hafen von Nysted befindet sich eine interaktive Ausstellung über die Offshore-Windparks und die Tierwelt der Region – inklusive Informationen über die Robbenkolonien.
Lokalhistorisk Arkiv Nysted
Bewahrt ein Miniaturmodell der einzigartigen Landt-Robbenreuse – das Original wurde leider 1968 von den Brüdern Landt verbrannt.
Fiskeri- og Søfartsmuseet Esbjerg
Dänemarks primäres Robbenforschungszentrum mit einem „Sealarium" und Koordination der Robbenmonitoring-Programme.
Häufige Fragen zur Robbenjagd bei Nysted
Nysted liegt auf der Insel Lolland und ist ideal über die Fähre Rostock-Gedser erreichbar. Von Gedser sind es nur etwa 45 Minuten mit dem Auto nach Nysted.
Route: Rostock → Fähre (2 Std.) → Gedser → E55/Route 9 → Nysted
Alternativ über die Vogelfluglinie (Puttgarden-Rødby) oder über die Storstrømsbroen von Seeland.
Nysted entdecken: Ihre Anreise
Nysted und das Rødsand Wildreservat sind von Deutschland aus ideal über die Fähre Rostock-Gedser erreichbar. Die Überfahrt dauert nur 2 Stunden und bringt Sie direkt nach Gedser auf Falster – von dort sind es etwa 45 Minuten mit dem Auto nach Nysted.
Mit der Fähre
Rostock → Gedser: 2 Stunden Überfahrt, mehrmals täglich
Gedser → Nysted: ca. 45 Min. Autofahrt
Übernachtung in Nysted
Hotel Nysted Havn: 11 Zimmer mit Hafenblick
Nysted Strand Camping: Top 10 in Dänemark
📑 Inhaltsverzeichnis
- Historische Wurzeln
- Familie Landt
- Fangmethoden
- Wirtschaftliche Bedeutung
- Interaktive Karte
- Ende der Jagd
- Rødsand heute
- Museen & Archive
- Häufige Fragen