Was passiert am Sankt Hans Aften?
Stellen Sie sich vor: Ein langer Sandstrand an der dänischen Ostsee, die Sonne steht tief über dem Wasser, aber sie will einfach nicht untergehen. Hunderte Menschen haben sich um einen mannshohen Holzstoß versammelt. Kinder rennen mit nackten Füßen durch den Sand. Jemand hat Decken ausgebreitet, Käse und Brot ausgepackt, eine Flasche Wein geöffnet. Es riecht nach Salzluft und Holzrauch. Dann tritt jemand ans Mikrofon – der Bürgermeister, der Vereinsvorsitzende, manchmal auch ein Pastor – und hält eine kurze Rede über den Sommer, über das Zusammensein, über Dänemark.
Und dann wird das Feuer entzündet.
Auf der Spitze des Scheiterhaufens sitzt eine Puppe aus Stoff und Stroh: die Hexe. Wenn die Flammen sie erreichen, geht ein Jubel durch die Menge. In diesem Moment passiert überall in Dänemark dasselbe – an Tausenden von Stränden, Häfen, Marktplätzen und Gärten. Manche Feuer sind riesig, sechs Meter hoch, andere klein und privat. Aber überall steht eine Hexe auf dem Scheiterhaufen, und überall brennt sie.
Dann kommt der Moment, der Sankt Hans Aften von allen anderen Festen unterscheidet. Die Menschen beginnen zu singen. Nicht irgendetwas – sondern Midsommervisen, das Mittsommerlied von Holger Drachmann. Dasselbe Lied, zur selben Zeit, im ganzen Land. Wer den Text nicht kennt, summt mit oder hört einfach zu. Es ist eines dieser seltenen Erlebnisse, bei denen ein ganzes Land für einen Augenblick dasselbe tut.
Danach bleibt man. Die Dänen setzen sich ans Feuer, reden, trinken, schauen aufs Wasser. Die Kinder spielen, solange sie wach bleiben. Der Himmel wird langsam dunkel, aber richtig dunkel wird es an diesem Abend nie – ein blasses Blau, das sich über den Horizont legt und nie ganz verschwindet. Gegen Mitternacht glimmt das Feuer noch, die Luft ist kühl geworden, und man sitzt da und denkt: So fühlt sich also dänischer Sommer an.
Es gibt kaum einen Moment, in dem man Dänemark so deutlich spürt wie an diesem Abend. Kein Museum, kein Reiseführer, kein Hygge-Buch kann ersetzen, was passiert, wenn man mit Fremden an einem Strandfeuer steht und merkt, dass man willkommen ist.